Internetradio-Grundlagen

Volksempfänger Mac

Trotz Podcasting hat Webradio Zukunft

von Henry Krasemann
Erscheinen in MacLife Ausgabe 11/2005

Webradios etablieren sich im stationären Betrieb als ernstzunehmende Konkurrenz zu den großen Rundfunkstationen. Das eigene Webradio ist technisch einfach zu realisieren, kann aber teuer werden, will man urheberrechtlich geschützte Musik spielen.

Entertainer Götz Alsmann wird nicht müde bei seinen Auftritten über die Formatradios dieser Welt herzuziehen. Wer dieser „Folter im Äther“, wie es Alsmann bezeichnet, entgehen möchte, hat zumindest zwei Möglichkeiten. Entweder er wechselt als Hörer zum Webradio oder er macht es gleich selber. Beides ist für Besitzer eines Apple-Computers heutzutage kein technisches Problem mehr.
Man schätzt, dass etwa 2000 bis 2500 Webradiosender allein in Deutschland betrieben werden. Hinzu kommen einige zigtausend ausländische Anbieter, die in der Regel ihr Angebot für den Hörer kostenlos bereitstellen. Auch wenn sich viele auf aktuelle Charthits konzentrieren, sind auch praktisch alle weiteren Musikrichtungen zu finden. So entdeckt man Musikstücke, die etablierte Radiosender niemals anrühren würden - teilweise völlig zu unrecht.

Webradios sind vom neuen Trend des Podcastings zu unterscheiden. Beim Podcasting stellt der Anbieter fertige Beiträge und Sendungen zur Verfügung. Diese werden als Ganzes vom Nutzer herunter geladen und dann meist auf seinen MP3-Spieler zum Anhören übertragen. Um zu erfahren, wann wieder neue Beiträge vom Wunschprogramm bereit stehen, kann zum Beispiel bei iTunes unter Erweitert > Podcast abonieren eine entsprechende Internetadresse eingetragen werden (sog. Podcasting-Adresse).


Der Mac als Weltempfänger
Webradioprogramme hingegen werden wie normale Radioprogramme ständig aktuell über das Internet verbreitet. Diese Technik nennt sich „Streamen“. Will man Sendungen für länger auf der Festplatte oder dem MP3-Spieler zwischenlagern, muss man zunächst das Programm live mitschneiden.

Um in die ausufernde Welt der Webradios einzusteigen, ist wiederum das beim Mac mitgelieferte iTunes von Apple ein guter Anfang. Hat der Mac Kontakt zum Internet muss nur noch wie beim normalen Radio der Sender eingestellt werden. Im Gegensatz zum Sendersuchlauf kann man auf eine schon vorgegebene Liste von Sendern zurückgreifen, wenn man als Quelle Radio anwählt. Reicht einem diese Auswahl nicht, kann alternativ eine andere Adresse unter Erweitert > Stream öffnen eingegeben werden. Normalerweise reicht es, einfach einen Webradioverweis im Browser anzuklicken und der darauf folgenden Nachfrage das Öffnen der Adresse mit iTunes zu gestatten. Neben der Suche mittels Google existieren einige sehr ausführliche Listen an gerade aktiven Programmen. Diese werden unter anderem. von den Anbietern verbreiteter Streaming-Standards bereit gestellt. So existieren neben Webradioprotokollen von Real auch zum Beispiel welche von Shoutcast, Icecast, Nicecast oder auch Live365.com. ITunes unterstützt die gebräuchlichsten Streamingprotokolle, so dass man sich als Hörer hier meist keine Gedanken machen muss. Die Webradiolisten findet man auf den Homepages der Anbieter [1] oder anderen Seiten [2].


Radio selbst gemacht
Wer beim Hören Lust bekommt, sich selber als DJ oder Moderator auszuprobieren, benötigt zunächst nicht viel. Von der Hardwareseite reicht ein gebräuchlicher Mac ab 500 Mhz mit 512 KBytes Speicher. Mehr ist natürlich besser. Will man nicht nur Konserven spielen, sondern selbst moderieren, ist zusätzlich ein Mikrofon erforderlich. Am Anfang zum ersten Testen reicht eines von einem Headset. Hat der Mac keinen eigenen Mikrofoneingang, hilft eine externe USB Soundkarte weiter. Diese gibt es etwa von der Firma Griffin für ca. 40 Euro in Form des „iMic“.

Ein gute Software für Mac OS X zum ersten Ausprobieren ist Nicecast von Rougue Amoeba [3]. Von der Website kann man eine Demoversion herunterladen, die insbesondere Einschränkungen hinsichtlich der Sendequalität bei längeren Sendungen hat. Die Vollversion kostet 40 Dollar, was zu vergleichbarer Software für den Windows PC wie Sam3 günstig ist.
Nicecast erfüllt zwei Aufgaben. Zum einen kann es als eigener Server für das Webradio dienen. Über Window > Show Server kann der eigene Server von Nicecast, der Built-In Server ausgewählt und gestartet werden. Die Hörer verbinden sich dann mit dem Rechner, auf dem Nicecast läuft. Diese Lösung ist vor allem zum Ausprobieren geeignet. Sie bringt jedoch im Dauerbetrieb einige Probleme mit sich. Das größte Manko ist bei den normalen DSL Anbindungen die stark eingeschränkte Bandbreite zum Senden. Entscheidend ist hierbei die maximale Upload-Geschwindigkeit. Normales DSL 1000 bietet hierbei gerade mal 128 kbps. Dies reicht nicht einmal für einen einzelnen Hörer bei ungefährer CD Qualität, will man nebenbei zumindest noch per E-Mail oder im Chat erreichbar sein. Selbst DSL 6000 ermöglicht nur 580 kbps, was ca. 4 Hörern bei 128 kbps Empfangsqualität oder 9 Hörern gleichzeitig bei 64 kbps entspricht.

Das zweite Problem ist, dass der eigene Rechner nur selten mit einer festen IP-Adresse ausgestattet ist, über die die Hörer jederzeit auf ihn zugreifen können. Dies lässt sich jedoch durch Dienste wie DynDNS [4] umgehen. Dieser Dienst stellt einem eine feste Adresse wie etwa radio.dyndns.com zur Verfügung, die stets auf die aktuelle IP-Adresse des eigenen Rechners umgeleitet wird. Hierzu muss diese Adresse jedoch regelmäßig aktualisiert werden, was zum Beispiel aktuelle Router wie die FRITZ!box von AVM übernehmen können.

Die zweite Aufgabe von Nicecast ist es, das eigentliche Webradioprogramm dem Server zur Verfügung zu stellen. Für das Einspielen von Musik bedient es sich in der Voreinstellung iTunes. Dies kann unter Source im Hauptfenster jedoch jederzeit geändert werden, wobei auch externe Geräte wie ein CD-Spieler eingestellt werden können. Nutzt man iTunes, muss man sich somit kaum umstellen. Hat man Nicecast entsprechend eingestellt, müssen nur noch die gewünschten Lieder bei iTunes ausgewählt und abgespielt werden, um dieses über den Server den verbundenen Hörern zu senden. Die dabei gewünschte Sendequalität kann unter Quality den technischen Gegebenheiten angepasst werden, was insbesondere die zur Verfügung stehende Internetverbindung beachten sollte. Will man zusätzlich noch moderieren, muss man unter Effects den VoiceOver-Effekt hinzufügen. Dort kann man dann auch einstellen, in welchem Maße die Musik gegenüber der eigenen Stimme heruntergeregelt werden soll. Vor der ersten öffentlichen Sendung sollte man damit ein wenig experimentieren, damit man auch zu verstehen ist. Der fortgeschrittene Nutzer findet hier auch noch weitere interessante Effekte, die sich lohnen, ausprobiert zu werden.


Der eigene Webradioserver
Wächst nach den ersten Versuchen die Lust und der Ehrgeiz, auch mehr Hörer zu erreichen, führt kaum ein Weg an einem eigenen Server vorbei. Notwendig sind jedoch sog. Root-Rechte auf dem Server, die es einem ermöglichen, eigene Software auf dem Server zu installieren und zu starten. Die notwendige Software läuft sowohl unter Windows, als auch Mac OS X und Linux, das am stärksten verbreitet ist. Entsprechende Server gibt es bei den einschlägigen Providern ab ca. 29,- Euro im Monat (zum Beispiel bei Strato [5] oder 1und1 [6]). Diese können natürlich auch noch für andere Dinge als für den Betrieb eines Webradios genutzt werden. Jedoch muss man beachten, dass die Administration eines solchen Servers nicht trivial ist, will man sich wirksam gegen Hackerangriffe und Missbrauch schützen. Dies gilt erst recht, wenn gleichzeitig noch andere Webdienste wie Webserver oder E-Mail eingesetzt werden sollen. Entsprechende Foren (siehe [7]) und Bücher (siehe [8]) können Hilfestellung geben. Daneben gibt es natürlich auch Anbieter, die die Mitnutzung von Servern zum Verbreiten von Webradioprogrammen anbieten. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist Live365.com, das auch von Nicecast unterstützt wird.

Zum Betrieb eines Webradioservers existieren verschiedene Systeme, wie von Real oder Icecast. Eines der am weitesten verbreiteten Systeme heißt Shoutcast [9]. Ursprünglich vor allem für den in der Windowswelt verbreiteten MP3-Spieler WinAmp entwickelt, wird dieses Streaming-Protokoll inzwischen von den gängigen Webradioprogrammen und Empfängern unterstützt. Auch iTunes und Nicecast verstehen sich wunderbar mit Shoutcast, so dass es sich lohnt, hierauf einen näheren Blick zu werfen.
Ist man glücklicher (Mit-) Besitzer oder (Mit-) Mieter eines Linux-Servers mit Root Rechten, kann man sich kostenlos von [10] das kleine Programm sc_serv auf den Server laden. Dieses Programm liegt sowohl in Versionen für Windows als auch Unix-Varianten wie Mac OS X und Linux vor. Zur Installation ist einzig die Anpassung der sc_serv.conf-Datei erforderlich, wo man neben einem Passwort unter anderem den Internet-Port, auf dem der Server nach Hörern lauschen soll, angibt. In der Regel kann man hier den Port 8000 eingestellt lassen. Hat man den Webradioserver dann gestartet, müssen dessen Daten wie IP-Adresse und Passwort bei Nicecast unter Server eingetragen werden. Als Servertyp wählt man Shoutcast. Betätigt man schließlich im Hauptfenster den Knopf Start Broadcast wird es spannend. Das eigene Webradio hat den Sendebetrieb aufgenommen.


Lizenzen und andere Unwägbarkeiten
Rechtlich ist der Betrieb eines Webradios leider nicht ganz unproblematisch. In der Regel benötigt man zur Zeit bei einem solchen Webdienst zwar noch keine Lizenz oder Genehmigung, wie es bei Rundfunksendern der Fall ist. Will man jedoch Musik spielen, deren Rechte bei Dritten liegen, kann es teuer werden. Entscheidend sind hierbei für deutsche Sender die Tarife der beiden Verwertungsgesellschaften GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte [11]) und GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten [12]). Die GEMA vertritt die Komponisten, Texter und Musikverlage, die GVL hat Verträge mit den ausübenden Künstlern und Tonträgerherstellern. Will man somit Musik aus seiner CD- oder MP3-Sammlung spielen, werden in der Regel die Tarife beider Gesellschaften fällig. Eigentlich sind diese Einrichtungen eine gute Sache, ersparen sie doch dem Webradiobetreiber mit jedem Künstler und Komponisten selber Verwertungsverträge abzuschließen. Leider hat insbesondere die GVL in letzter Zeit die Tarife stark angezogen. Über den Deutschen Internet-Radio Verbund e.V. – DIRV (ehemals Radioring [13]) waren bis April stark verbilligte Tarife möglich, da der Verein das Inkasso übernahm. Mit den neuen GVL-Tarifen jedoch hat man dieses so genannte Streamsharing-Modell wieder aufgeben müssen. Eine akzeptable Einigung mit der GVL war zuvor gescheitert. Daher muss nun jeder Webradiobertreiber selber jeweils einen Vertrag mit der GEMA und der GVL abschließen. Die Tarife richten sich nach Hörerzahl, Sendedauer und Musikanteil. Der Mindestbetrag für beide zusammen für nichtkommerzielle Sender liegt bei ca. 65 Euro inkl. MwSt. im Monat, wenn man nicht mehr als 60% Musik spielt und im Durchschnitt acht Hörer hat. Zu beachten ist, dass pro Lied, das man in seiner Musiksammlung hat, ein Betrag von 0,125 Euro pro Jahr zu zahlen ist, damit dieser, sofern er nicht direkt live von der CD gespielt wird, „sendefähig“ wird. Und schließlich sind auch noch die Einschränkungen der Verwertungsgesellschaften für den Betrieb von Webradios zu beachten, die genau vorschreiben, wie oft sich etwas im Programm wiederholen darf, dass nicht mehrere Stücke des gleichen Künstlers hintereinander gespielt werden dürfen und dass nur beschränkt auf das kommende Musikprogramm hingewiesen werden darf. Die ausführlichen Bedingungen auf den Websites von GEMA und GVL geben hier Auskunft. Initiativen wurden ins Leben gerufen, die gegen derart rigide Bestimmungen vorgehen wollen, notfalls mit gerichtlicher Hilfe. Die Aussichten scheinen sogar recht gut zu sein, doch kann es dauern, bis sich etwas ändert. Immerhin scheint die GVL für die erste Zeit auf ein penibles Protokollieren der Aktivitäten von Kleinstanbietern zu verzichten.
Leider bietet auch die Verlagerung des Servers ins Ausland oder etwa die Nutung des Angebots von Live365.com in den USA entgegen den Angaben einiger Anbieter keine Abhilfe. Zumindest die GVL stellt sich auf den Standpunkt, dass, wer sich an deutsches Publikum richtet, auch nach deutschen Maßstäbe zur Zahlung herangezogen werden muss. Eine Ausnahme besteht nur, wenn keine öffentliche Verbreitung des Programms nachgewiesen werden kann. Sendet man nur an einen eingeschränkten, kleinen Hörerkreis, werden ähnlich des Spielens von Musik auf einer geschlossenen privaten Party zum Glück noch keine Gebühren fällig. Jedoch darf dann der Verweis zum Server auch wirklich nur dem Freundeskreis bekannt gegeben werden und die Anmeldung bei Webradiolisten muss in der Software abgeschaltet werden.

Zum Glück existiert jedoch auch noch GEMA und GVL-freie Musik. Einige meist kleinere Bands verbreiten ihre Musik bewusst mit eigenen Lizenzbedingungen, die oft die kostenlose Verbreitung ausdrücklich erlauben. Will man sich nicht selber auf die Suche nach diesen Bands machen, kann man zum Beispiel das Angebot von Hallo-Musiker.de nutzen. Die Betreiber verstehen sich als Mittler zwischen freien Musikern und Interradiobetreibern und stellen zahlreiche GEMA und GVL-freie Stücke zur Verfügung. Sicherlich ist nicht jedes Stück jedermanns Geschmack. Aber das meiste lässt sich hören und hat nichts mehr mit Aufzugsmusik zu tun. Einen Sender, der diese Musik spielt, findet man unter [14].

Webradiohören ist zumindest für Mac-Nutzer mit Flatrate heute kein Problem mehr und bietet den Zugriff auf eine riesige Zahl unterschiedlichster Sender. Auch der eigene Betrieb eines Webradios ist technisch kein Problem. Auch Server für eine weitere Verbreitung sind bezahlbar geworden. Doch GEMA und GVL können dieses Hobby schnell zu einem teuren Spaß machen. Auch müssen die Bestrebungen des Gesetzgebers im Auge behalten werden, die Webradios wie Rundfunk anmeldepflichtig machen sollen.
Herr Alsmann dürfte daher Webradiofan sein, auch wenn er sich noch nicht öffentlich hierzu bekannt hat.

[1] Zum Beispiel www.shoutcast.com, www.nicecast.com, www.real.com, www.icecast.org.
[2] www.surfmusik.de
[3] www.rogueamoeba.com/nicecast
[4] www.dyndns.com
[5] www.strato.de
[6] www.1und1.de
[7] www.rootforum.de
[8] Dedizierte Webserver - einrichten und administrieren von Michael Hilscher – ISBN 3898425509
[9] www.shoutcast.com
[10] www.shoutcast.com/download/serve.phtml
[11] www.gema.de
[12] www.gvl.de
[13] www.dirv.de
[14] www.ersterstock.de